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Dr. Dagmar Breuker*: Rezension – Starke, Führungskultur in High Risk Environments. Eine empirische Untersuchung in den Arbeitsfeldern Polizei, Medizin und Business Continuity Management, 2010

ZVR-Online Dok. Nr. 18/2012 – online seit 27.06.2012

Starke, Susanne
Führungskultur in High Risk Environments.
Eine empirische Untersuchung in den Arbeitsfeldern Polizei, Medizin und Business Continuity Management
Verlag für Polizeiwissenschaft
Frankfurt 2010
257 Seiten
24,90 €
ISBN 978-3866761223

Verschiedene Unternehmen, Organisationen und Institutionen zeichnen sich dadurch aus, dass die dort Beschäftigten mit gefährlichen Ereignissen konfrontiert werden und Gefahrensituationen zu bewältigen haben, die von den meisten Menschen vermieden werden. Zu diesen sogenannten Hochrisikoindustrien zählen Kernkraftwerke, Luftfahrtunternehmen, medizinische Einrichtungen, petrochemische Unternehmen und die Organisation Polizei. Die dort beschäftigten Menschen handeln in Umgebungen, in denen ein hohes Gefahrenpotential für die Gesundheit und das Leben von Personen – und dies schließt die dort Beschäftigten mit ein – besteht und zum Teil auch Gefahren für die Umwelt drohen.Rn. 1
Dabei liegt die Betonung auf den Begriffen „Gefahrenpotential“ und „drohen“– denn die gefährlichen Ereignisse und Gefahrensituationen stellen Ausnahmen dar, nicht die Regel. Kommt es jedoch zu einer solchen kritischen Ausnahmesituation, ist ein effizientes, effektives, problemlösendes und zielorientiertes Handeln notwendig. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit hat sich Susanne Starke im Schwerpunkt mit folgenden Fragestellungen zu diesem Thema beschäftigt:
  • Wie bereitet man sich in verschiedenen Unternehmen und Organisationen auf Führung in Krisensituationen vor?
  • Welche Anforderungen stellen kritische Situationen an Führungskräfte?
  • Wie werden kritische Situationen nachbereitet?
Rn. 2
Verglichen wurden dabei die Bereiche Polizei, Medizin sowie firmeninterne Abteilungen zum Krisen- und Notfallmanagement (sog. Business Continuity Management, kurz BCM). Gemäß der Fragestellungen ist das Ziel der Arbeit eine vergleichende Darstellung bestehender Vorgehensweisen zu Führungsstrukturen sowie zur Vor- und Nachbereitung kritischer Situationen.Rn. 3
Zu Beginn der Arbeit erfolgen eine Erläuterung wichtiger Begriffe (z. B. Organisations- und Sicherheitskultur) sowie eine Einführung in die Themenbereiche Führung und Forschungsmethoden, die für das Verständnis der Arbeit relevant sind. Susanne Starke versteht es hierbei, sich kurz zu fassen, verständlich auszudrücken und sich auf die für ihre Arbeit relevanten Aspekte zu beschränken. Dadurch können Lesende mit und ohne Vorkenntnisse von den Ausführungen profitieren, die für die Einen Erinnerungsstütze und Auffrischung, für die Anderen eine erste Einführung darstellen.Rn. 4
Des Weiteren werden die drei Arbeitsfelder skizziert, auf die sich die Autorin in ihrer Studie konzentriert. Dabei bleibt die Darstellung jedoch oberflächlich – so wird beispielsweise für das Arbeitsfeld Polizei von „besonderer Aufbauorganisation“, von Führungsstäben, Krisenstäben und ständigen Stäben berichtet, ohne dass hierbei deutlich wird, was dies in der Praxis bedeutet und welches die Merkmale einer besonderen Aufbauorganisation sind.Rn. 5
Die Auswahl der verwendeten empirischen Methoden (Interviews, Beobachtung) begründet sich aus dem Forschungsgegenstand und dem Forschungsinteresse: In den Mittelpunkt werden subjektive Erfahrungen, Gedanken und Handlungen erfahrener Führungskräfte gerückt. Starke führte mit 29 Führungskräften Interviews durch, die jeweils etwa eine Stunde dauerten. Zur Auswertung der Interviews entwickelte Starke ein Kategoriensystem, um die individuellen Aussagen zu gruppieren und thematisch zusammenzufassen. Am Ende eines jeden Interviews wurde gemeinsam mit jeder Führungskraft aufgrund der Informationen und Schilderungen ein Einzelfallmodell zum Thema „Führung in kritischen Situationen und Führungskultur“ erstellt. Für die drei Bereiche Polizei, Medizin und BCM wurden diese Einzelfallmodelle jeweils in einem weiteren Schritt zusammengefasst, wobei sich erste Hinweise auf Ähnlichkeiten und Unterschiede, z. B. im Sprachgebrauch, ergaben.Rn. 6
Im Untersuchungsfeld Medizin wurden jeweils sechs erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – Ärzte sowie Pflegepersonal - aus den Fachrichtungen Innere Medizin und Anästhesie zweier unterschiedlicher Krankenhäuser interviewt. Für den Bereich Anästhesie ergänzen Beobachtungen aus Übungen an lebensgroßen Puppen, die sich durch aufwändige Technik „lebendig“ verhalten, die Daten. Weitere sieben Interviews wurden mit erfahrenen Managerinnen und Managern des Bereichs BCM durchgeführt, die zwischen neun und 33 Jahren Berufserfahrung aufweisen.Rn. 7
Für den Bereich Polizei wurden zehn Polizeivollzugsbeamte aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands interviewt, die als Einsatzleiter, Leiter von Führungsstäben, Leiter von Spezialeinheiten bzw. Hundertschaften, als Pressesprecher sowie als Ausbildungsleiter von Spezialeinheiten über „Erfahrungen mit Führungsaufgaben in kritischen Situationen“ verfügen. Diese Beschreibung lässt keine Rückschlüsse darauf zu, ob die Interviewten über persönliche Erfahrungen in der Bewältigung herausragender Einsatzlagen berichtet haben. Dennoch fokussiert Starke in der Diskussion ihrer Ergebnisse wiederholt auf genau diese herausragenden Einsatzlagen.Rn. 8
Aufgrund der Informationen aus den Interviews stellt Starke für jeden Bereich spezifische Aspekte vor: Wie wird Krise in dem jeweiligen Bereich definiert? Was sind wesentliche Variablen der dort auftretenden Krisensituationen? Was bedeuten diese für die agierenden Führungskräfte? Welche erschwerenden Faktoren werden bei der Krisenbewältigung wahrgenommen? Welches Führungsverständnis liegt vor? Anschließend vergleicht Starke diese bereichsspezifischen Aspekte, um Ähnlichkeiten und Unterschiede aufzuzeigen. Die Arbeit endet mit der Interpretation der Ergebnisse unter Einbezug verschiedener Merkmale der unterschiedlichen Führungskulturen.Rn. 9
Die Arbeit beschreibt aufgrund ihrer genannten Fragestellungen den individuellen Umgang einiger Führungskräfte mit Krisensituationen in unterschiedlichen beruflichen Branchen. Die Betonung liegt dabei auf „individuell“ – es geht um die subjektive Wahrnehmung, Bewertung und Handlung der interviewten Führungskräfte. Aufgrund der geringen Stichprobengröße ist eine Übertragung in Handlungsmodelle, die allgemeingültig in Krisensituationen zur Anwendung kommen können, nicht statthaft. Leider kommt hier eine kritische Reflektion durch die Autorin deutlich zu kurz – denn diese führt die „Einzelfallmodelle“ aus den Interviews für jeden Bereich zu einem „Bereichsmodell“ zusammen. Interessierten Leserinnen und Lesern, die in ähnlichen Situationen Entscheidungen zu fällen haben, können jedoch Ideen und Alternativen für eigene Handlungsweisen bekommen.Rn. 10
Die berichteten Informationen über die Interviewpartner sind in relevanten Variablen als unzureichend kurz zu bezeichnen. Hier wäre es für die Leserinnen und Leser wünschenswert gewesen, unter anderem mehr über die Situationen, die Aufgaben und Entscheidungsbefugnisse der Interviewten zu erfahren, um sich so ein eigenes Urteil bilden und Vergleiche zu eigenen Erfahrungen ziehen zu können.Rn. 11
Die Arbeit bietet insgesamt einen Einblick in die Erlebenswelt einer kleinen Gruppe von Führungskräften, die in kritischen Situationen Entscheidungen treffen müssen.Rn. 12
Fußnoten

* Dr. Dagmar Breuker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei NRW, Münster.